Vor 23 Jahren begann meine steile flache Karriere als Romanautor. Ich hatte es geschafft, eine Fantasygeschichte zu schreiben und zu Ende zu bringen, die ich für so grandios, stimmig, vielschichtig, episch (hier weitere Superlative einfügen) hielt, dass sich Verlage schier darum reißen mussten, sie zu veröffentlichen.

Sie taten es nicht.

Heute weiß ich, warum meine Anfragen bei den Verlagshäusern auf wenig Gehör, nennen wir es beim Namen, komplette Gehörlosigkeit stießen. Aber eins nach dem anderen.

Damals las ich selbst viele dieser Trilogien und Reihen, in denen AutorInnen sich komplexe fantastische Welten ausdachten, die mit unzähligen Figuren bevölkert waren, die die wildesten Abenteuer bestanden. Warum sollte nicht mein Beitrag zum ultimativen Eskapismus genau in dieses Gefüge von Weltflucht passen?

Gewiss habe ich ein Exposé geschrieben, das heute unauffindbar ist, vermutlich aus Gründen. Eine Autorenvita gab es bestimmt auch, die zu jener Zeit so umfangreich war wie die Memoiren einer Eintagsfliege. Lektorat und Korrektorat habe ich zu jener Zeit nicht ernstgenommen und auch aus Kostengründen selbst gewuppt. Dachte ich. Man lernt ja aus seinen Fehlern. Auch wenn es später passiert.

Selfpublishing als Alternative

Das Werk hat 240.000 Wörter. Das ist eine Menge. In 2002, das ist ungefähr digitales Spätmittelalter, verlangten ausnahmslos alle Verlage noch Manuskripte in Papierform, manche noch vollständig und nicht bloß die ersten Kapitel. Also habe ich den Roman auf DIN A4-Bögen gedruckt, für die umgerechnet ein Hektar Wald dran glauben musste, und diese Papierblöcke per Post versendet. Vermutlich hat damit jemand sein Haus gedämmt oder Möbel daraus gebaut. Oder der Paketbote hatte einen Bandscheibenvorfall.

Wie oben geschildert, stieß mein Werben bei den Verlagen auf ungeteilte Teilnahmslosigkeit. Dann stolperte ich über die Webseite des MV-Verlags, einen der wenigen Anbieter von Print-on-Demand-Dienstleistungen. Ich habe einen recht übersichtlichen Betrag für die Aufnahme in deren Verlagsprogramm berappt und konnte Neuland dort inklusive ISBN in der „Edition Octopus“ veröffentlichen.

Mit dem Umfang geriet auch der Verlag bzw. die Druckerei ans Limit: Trotz kleinerer Schrift und Ausreizung aller Bemaßungen hatte der Roman am Ende 648 Seiten. Der Kaufpreis für das Softcover lag bei 26 Euro. Das Cover gestaltete ich mit bescheidenen Mitteln und Kenntnissen selbst, den Buchsatz ebenso. Aber es gelang.

Selfpubisher-Marketing now and then

Im Juli 2002 waren soziale Netzwerke noch eine diffuse Idee (Zuckerberg war gerade volljährig geworden). Es gab zwar einige Plattformen, die sich dem Austausch zwischen Gleichgesinnten verschrieben hatten, Foren waren zum Beispiel ganz groß, aber die Verbreitung der eigenen Buchveröffentlichungen gestaltete sich äußerst zäh. Eine eigene Webseite war Pflicht, Suchmaschinenoptimierung bedeutete Massen an Keywords in den Meta-Tags und verborgene Texte. Heute würden Suchmaschinen diese Maßnahmen gnadenlos bestrafen.

Heute gibt es neben Social Media, wo sich literaturaffine Communities bilden und eine interessierte Followerschaft finden lässt, zahlreiche Portale, Plattformen und spezialisierte Angebote von Dienstleistern rund ums Konzipieren, Schreiben und Veröffentlichen von Büchern. Diese Wege und Kanäle sind so komfortabel und zugänglich, dass die Zahl der Schreibenden mit ihnen exponentiell gewachsen ist. Damit bleibt der Kampf um die alles entscheidende Sichtbarkeit im Netz und den über 58.000 Neuerscheinungen (hier: Erstauflagen, Stand: 2024) priorisiertes Betätigungsfeld von Selfpublishern.

Neustart in Neuland

gezeichnete Karte des erfundenen Kontinents West-Arthlo aus dem Roman Neuland von Stefan Wetterau

Heute liebe ich „Neuland – Unter zwei Sonnen“ immer noch. Umso mehr, da es meine Eintrittskarte in die öffentliche Welt der Schreibenden und des Selfpublishings war.

Und ich liebe die Geschichte um Thom und die skurrilen Gestalten, denen er auf seiner Reise durch den Westkontinent begegnet. Wann immer es meine Zeit zwischen dem Schreiben neuer Romane erlaubt, arbeite ich an der Überarbeitung mit dem Ziel einer Neuveröffentlichung. Denn leider gibt es den MV-Verlag nicht mehr, und damit auch den Roman nicht.

Vielleicht brauchte es den oben geschilderten steinigen Weg mit seinen Sackgassen und Schleifen, um aus „Neuland“ etwas Neues und Besseres zu machen. Und wenn es nur meine eigene kleine, temporäre Flucht ist.

2 Comments

  1. Hallo Stefan,

    ich liebe diesen Artikel, weil

    a) ich beim Lesen schallend lachen musste,
    b) er mich sehr an das Schreiben einer uns bekannten Autorin erinnert 🙂

    Jawoll, all diese Steine auf eurem Weg werden mit Humor weggeräumt, darüber geklettert oder umgangen.

    Viel Freude bei der Überarbeitung und gigantischen Erfolg der Neuauflage!

    Liebe Grüße
    Eva

    1. Vielen Dank für die Bestätigung, dass wir als Schreibende eine Menge … Zeug und Kram auf unseren Wegen zu überwinden haben. 🙂 Es tut gut zu wissen, dass ich damit nicht allein bin.

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