Dieser Text wird nicht trenden.

Ich veröffentliche viel zu wenige Posts, um in der Top-Liga mitspielen zu können. Meine Texte sind zu lang, die Sätze darin sowieso. Und die Bilder bewegen sich nicht, kein Dreißig-Sekunden-Reel mit fancy Effekten, catchy Untertiteln und einem Action-Milestone alle drei Sekunden. Ich mach mich vor der Kamera nicht zum Ei.

Also scroll bitte weiter, hier gibt’s nichts zu sehen. Der Algorithmus hat dir Besseres zu bieten.

Social Media: ja, Autorenwebseite: na ja

In einem meiner letzten Insta-Posts zum Tracking auf Autorenseiten wurde per Kommentar gemutmaßt, dass Autorenwebseiten weitgehend obsolet seien, da sie von interessierten LeserInnen sowieso nicht mehr besucht würden. Es ginge höchstens noch um Sichtbarkeit. Inhaltliche Relevanz: Fehlanzeige.

Der Kommentar hat mir deutlich gemacht, welchen Pfad das Verhältnis zwischen LeserInnen und AutorInnen eingeschlagen hat und welche Rolle dabei Social Media spielt. Der Pfad führt mich nicht zur Glückseligkeit. Dabei liegt es nur zum geringeren Teil an Schreibenden und Lesenden.

Neue Währung: Follower

Verlage, wenn sie aktuell überhaupt Manuskripte annehmen, verlangen in einzusendenden Exposés vermehrt nach dem Namen des Instagram-Accounts und den Followerzahlen. Ein Pitch, die Inhaltsangabe, eine klare Genreeinordnung, das Werk der Schreibenden an sich sind nicht mehr ausreichend für eine Evaluation des potenziellen wirtschaftlichen Erfolgs der Publikation. Die Sichtbarkeit in Social Media ist zur Währung geworden, die auf das Zustandekommen eines Verlagsvertrags einzahlt.

Auch und gerade Selfpublisher ohne Verlag sind ohne einen Insta-Account und eine große Followerschaft unsichtbar, ihre Bücher bis auf Ausnahmen die absoluten Ladenhüter.

Spielregeln

Egal ob Verlagsvertrag oder Selfpublisher: Mit der Quasi-Verpflichtung, im Social-Media-Zirkus mitzuspielen, unterwirft man sich als Schreibende/r den Regeln dieser Plattformen.

Ein brauner Esel auf einer Weide

In den vergangenen Wochen habe ich zahlreiche politische und gesellschaftskritische Beiträge auf Social Media gelikt und kommentiert, viele Artikel gelesen, auf Links geklickt. Ich habe oft den Kopf geschüttelt und nicht nur einmal den Monitor beschimpft. Den hat das nicht beeindruckt, einen Effekt hatte mein Verhalten jedoch: In der Timeline meines Autoren-Accounts tauchten immer weniger Beiträge meiner MitschreiberInnen auf, kaum noch Posts von BloggerInnen, lustige Videos von Eseln gar nicht mehr (anderes Thema).

Ich bin dem Algorithmus zum Opfer gefallen, auf der Konsumentenseite: Durch mein Verhalten habe ich der in einer Blackbox verborgenen Logik mitgeteilt, dass sich meine Interessen vermeintlich verschoben haben, und zack: schon werde ich mit Politik zugeschüttet, damit ich weiterhin ordentlich Zeit beim Scrollen verbrenne.

Da ruft jemand: „Leg dir doch einen weiteren Account zu!“

Ja klar, noch mehr Zeit verbrennen. Danke!

Der Algorithmus hat Hunger

Auf der anderen Seite betreibe ich den Account ja nicht als chaotisches Fotoalbum für meine Verwandtschaft und Freunde (ja, vielleicht ein bisschen). Ich will ja meine Bücher loswerden, Ruhm und Ehre erlangen und die Welt durch meine Werke zu einem besseren Ort machen (Größenwahn: off). Dafür muss ich ebenso nach den Regeln des Algorithmus spielen.

Mitschreibende beklagen sich in ähnlicher Weise über diese Anforderungen und Erwartungen: regelmäßig posten, am besten täglich, idealerweise Reels und Karussells mit einer Hook und einer Auflösung im letzten Slide oder in der Caption.

Ich bin nun kein Journalist oder Influencer, der im Viertelstundentakt Input geliefert bekommt, den er in publikumswirksamen Output auf Social Media verwandelt. Ich schreibe in meiner Freizeit Romane und Kurzgeschichten. Was soll da schon Irres passieren, das es lohnt, in einem aufwändig produzierten Reel unter die Follower gebracht zu werden? Zwischen meinen Schreibsessions liegen manchmal Wochen, weil einfach so viel anderes passiert. Und, oh Wunder, ich habe einen Brotjob, denn vom Schreiben können die meisten Schreibenden nicht leben.

Also mein Mittagessen posten, so etwa: „Was Autoren essen, damit die Ideen nur so sprudeln?“ Ja, die Bilder in euren Köpfen kann ich mir vorstellen. Gern geschehen!

Geschichten, Bilder, Ruhe

So richtig passen Social Media mit seinem Algorithmus und ich als Schreibender nicht zusammen. Ich zähle mich zu den Introvertierten, das ist in der schnelllebigen Marketingmaschinerie mit ihren lächerlichen Halbwertszeiten und immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen nicht das perfekte Match.

Es fühlt sich an wie das schattige Plätzchen am Strand, in das der übereifrige Animateur platzt und Party und Action von mir verlangt, während ich nur meine Limo schlürfen, das Meer betrachten und neue Ideen sammeln möchte.

Ich werde mich auch weiterhin nicht zum Ei machen. Das Geschichtenschreiben bleibt im Mittelpunkt, hier und da ein Bild, das einfach betrachtet oder zum Nachdenken anregen möchte.

Weniger Geschwindigkeit, mehr Ruhe. Sollen die anderen Party machen.

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