Auf vielen Instagram-Profilen lese ich in den letzten Monaten Beiträge von Schreibenden und Bloggenden, dass sie mit den Entwicklungen in der Buch-Bubble nicht mehr klarkommen: Ihre Reichweite bricht fühlbar ein, Kommentare und Likes nehmen ab, Followerzahlen stagnieren.
Im Real Life wird der Frust auf andere Weise spürbar: Auf der Bodensee Buchmesse berichteten mir Ausstellende von ihren enttäuschten Erwartungen an das Event.
Schneller, bunter, hipper – next
Dass Instagram den Algorithmus vor einigen Monaten angepasst hat, ist kein Geheimnis mehr. Und über die Anforderungen, die dieser digitale Zirkus an uns Schreibende stellt, und meinen Umgang damit, habe ich bereits geschrieben.
Bookstagram war und ist noch das große Ding. Aber wie viele Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben Hypes ihre Kurve im Diagramm der Geschichte: Nach dem steilen Aufstieg folgt irgendwo ein Peak, nach dem es wieder bergab geht. Wir erinnern uns kollektiv an myspace Anfang der 2000er, ebenso an StudiVZ. Facebook hat seinen Teil dazu beigetragen, dass diese sozialen Netzwerke nicht bestehen konnten. Und erlebt nun seinen eigenen Niedergang, befeuert vom hauseigenen Konkurrenten Instagram und letztlich der Übermacht von TikTok, die auch für Insta zum Problem wird und uns diese lästigen Kurswechsel im Algorithmus beschert.
In der Buch-Bubble sind die Unmutsäußerungen der Bookies für mich die ersten Anzeichen, dass der Bookstagram-Hype in Social Media in absehbarer Zeit seine Glanzzeiten hinter sich haben wird. Eine Chance sehe ich darin, dass möglicherweise wieder ein normales Level erreicht wird und Content produziert wird, der für Konsumenten einen echten Mehrwert bietet. Inwiefern andere Faktoren wie Künstliche Intelligenz dabei eine Rolle spielen, wird die Zeit zeigen.
Ich will doch nur schreiben
Das wäre alles nicht so dramatisch, wenn diese Entwicklungen nicht einen so gravierenden Einfluss auf das reale Leben der Schreibenden hätten. Diese Zunft war bis zum Aufkommen der sozialen Medien abgesehen von Ausnahmen nicht bekannt für Extraversion, Marketinggeschrei und bunte Bilder. Das Schreiben von Büchern erfordert viel Zeit, Rückzug und Ruhe. Am Ende des Schaffensprozesses stand ein Manuskript, das durch seinen Gehalt Verlage und Lesende zu überzeugen hatte. Um die Verbreitung kümmerten sich dann die Menschen im Verlag, die das Talent und die Energie für die Front im Buchmarkt mitbrachten.
Die zurückgezogene Attitüde des vor sich hinwerkelnden Schreiberlings steht dem digitalen Zirkus diametral entgegen. Und natürlich gibt es die große Gemeinschaft vor allem junger Autorinnen und Autoren, die mit den sozialen Medien aufgewachsen und nicht nur biologisch groß geworden sind: Sie bespielen ihre Kanäle mit einer Leichtigkeit, die manch alter Hase nicht aufzubringen vermag. Gerade diese Virtuosität, gepaart mit der Quantität, schiebt jedoch anderes und andere an den Rand.
Enttäuschte Erwartungen
So erlebt bei der Bodensee Buchmesse: Nach zwei vorherigen Teilnahmen waren meine Frau und ich mit sehr realistischen Erwartungen nach Konstanz gefahren. Buchverkäufe bringen die Kosten für den Messestand, das Werbematerial, die Anreise und das Hotel niemals wieder ein. Es geht um die Gespräche mit LeserInnen, AutorInnen, VerlegerInnen, um die Sichtbarkeit, das Vernetzen und um dieses wohlige Gefühl, Teil einer Community zu sein.
Zwei Dinge bleiben mir darüber hinaus jedoch in Erinnerung und machen mich auch heute noch nachdenklich: Die Tische waren nach Genre aufgestellt, und so war einer der zwei Hauptgänge vor allem für die derzeit starken Genres rund um Fantasy und Romance vorgesehen. Erwartungsgemäß war der Andrang dort immens. Im parallel angelegten Gang waren viele andere Genres vertreten, und das geringere Interesse der BesucherInnen war spürbar.
Während das für mich in Ordnung ging – große Menschenmengen und die Geräuschkulisse strengen mich als Hochsensiblen sehr an – und ich die ruhigen Gespräche am Stand genoss, haderten einige der umliegenden Ausstellenden mit der Situation. Wenige Kontakte und noch weniger Buchverkäufe brachten eine Ausstellerin am Abend direkt zu der Entscheidung, künftig keine Buchmessen mehr zu besuchen. Einer anderen waren die Enttäuschung und regelrechter Frust direkt anzusehen.
Feiern statt Frust
Ich habe für sie keinen allgemein gültigen Rat. Immer wieder lese und höre ich von der Enttäuschung von Schreibenden, dass sie nicht gesehen, geschweige denn gelesen werden. Der Rat muss schon deshalb ausbleiben, weil die Erwartungen so unterschiedlich sind. Wenn ich vom Schreiben wirklich leben will, muss ich mich den neuen Regeln des Buchmarkts unterwerfen, das Tempo mitgehen wollen und können und auch Dinge tun, die meinem Wesen widersprechen.
Mein Platz ist auf der anderen Seite des Spektrums und klingt vielleicht etwas bequem: Vom Schreiben muss ich nicht leben, es ist zugleich Hobby wie Passion, es kostet Geld, Zeit, Einsatz, aber es macht mich ungemein glücklich.
Ich hoffe, dass ihr lieben Mitschreibenden, die ihr das lest, euren Platz irgendwo in diesem Spektrum findet.
