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Ich hasse sie. Fast alle.

Auf diese schlichte Aussage muss ich meine Empfindungen kondensieren, um halbwegs die Motivation für diesen Plan darlegen zu können.

Hass ist ein derart simpler Begriff, so wenige Buchstaben, auch in anderen Sprachen – hate, haine, odio. Viel zu einfach, um ein Gefühl solcher Kraft und einzigartiger emotionaler Energie zu beschreiben.

Dabei könnte ich mich differenzierter erklären, so wie sich mein Fokus nicht auf alle Beteiligten gleichmäßig richtet.

Weshalb? Sie tragen nicht durchweg dieselbe Schuld, auch wenn sie sich schuldig gemacht haben, jeder und jede auf seine und ihre Weise. Sei es durch offen aggressives Verhalten bis hin zum tätlichen Angriff, durch Unterdrückung, verbale Attacken. Verharmlosung werfe ich ihnen vor, das Kleinreden, das Schulterzucken. Die Ignoranz und das bewusste Wegsehen. Und schwer wiegt die Schuld der Lüge, das Verdrehen von Fakten, Aussagen anderer und das eigene Tun betreffend. All dessen haben sie sich schuldig gemacht.

So wie ich.

11

Das Rauschen der Dusche und der Klimaanlage vermischte sich mit dem Wispern in Simons Schädel. Er saß auf der Kante seines Betts und hatte die Stirn in die Hände gelegt, die Ellenbogen auf den Knien aufgestützt. Die kühle Dusche hatte kurz geholfen und ihm einen klaren Kopf beschert. Jetzt schwitzte er wieder. Er würde das Hemd noch einmal wechseln, bevor sie das Zimmer verließen.

Simon roch das Desinfektionsmittel, das man zur Reinigung benutzt hatte, und den süßlichen Duft des Waschmittels, der in den Laken und Bezügen steckte. Die beiden Betten standen im Abstand von zwei Metern, dazwischen eine niedrige Kommode aus dunklem Holz, darauf eine Nachttischlampe mit einem vergilbten Stoffschirm und einem verdächtig verlaufenen Fleck. Gegenüber, neben dem Fenster zum Parkplatz, gab es einen dreieckigen Resopaltisch mit gelblicher Tischplatte, auf dem ein Röhrenradio mit hölzernem Gehäuse stand. Ein Stuhl war daneben platziert, von ähnlicher Art wie im Diner.

Das Zimmer war recht nüchtern gestaltet: grauer Teppichboden und grün gestrichene Wände. Der Raum war sauber und passte in die gewählte Zeit und Gegend. Die zurückgezogene Gardine gab den Blick auf den glühenden Parkplatz frei. Ein paar Palmwedel drängten sich in den Fensterausschnitt.

Es waren keine regelrechten Kopfschmerzen, eher eine latente und nicht durchgehend greifbare Benommenheit, die an Simons Konstitution zehrte. Die Wochen zuvor waren jenseits aller Vorstellungskraft anstrengend gewesen. Die neue Software war mit zwei Monaten Verspätung ausgeliefert worden, was das Unternehmen eine fünfstellige Vertragsstrafe gekostet hatte. Diese war eventuell ein Klacks, wenn sich manifestierte, was zahllose Anrufe wütender Anwender in den Tagen nach dem Roll-Out angekündigt hatten: Die Software war noch voller Fehler, nicht nur oberflächlicher Natur. Berechnungen stimmten teilweise auf kaum nachvollziehbare Weise nicht, und unter bestimmten Hard- und Softwarekonstellationen neigte das Programm zu willkürlichen Abstürzen.

Die paar Tage hatte sich Simon nur freinehmen dürfen, weil er im First Level Support ohnehin die Probleme der Anwender nicht direkt lösen und ihren verbal geäußerten Frust nur ins firmeneigene Ticketsystem weiterreichen konnte. Das Unternehmen nahm zähneknirschend in Kauf, dass Simon wie einige seiner Kollegen und Kolleginnen in der Abteilung kurz vorm Burn-Out herumkurvten. Die Reihen des Second-Level-Supports wurden aufgestockt. Das technisch versiertere Personal nahm die Anliegen der Nutzer direkt an und durchschaute diese oftmals besser.

Carol hatte es angedeutet: Seine Aussetzer zeigten, dass er am Limit war, sonst käme es nicht in diesem Maße zu den visuellen Phänomenen, die er ihr beschrieben hatte. Die Eindrücke der Südstaatenfarm und die verschwundenen Stromkabel seien damit zu erklären. Sie selbst hatte nach ihrem Eingriff noch Wochen später ähnliche Empfindungen, sagte sie: Sie hörte Stimmen und seltsame Geräusche. Manches Mal roch sie nichts mehr, bevor sie von Düften überwältigt wurde, die definitiv nicht da sein konnten und die sie nur aus Erinnerungen an ihre Kindheit kannte.

Die Dusche wurde abgestellt. Irgendwo in der Wand gurgelte abfließendes Wasser. Simon hörte Carol in dem winzigen Bad vor sich hin singen.

Sie war immer guter Dinge, dabei bodenständig und mit dem nötigen Überblick gesegnet. Nicht wie Nina, die zwar unermüdlich ihre Frohnatur zur Schau stellte, die aber keinerlei Substanz beherbergte und auf die man sich, wenn moralische Unterstützung erforderlich war, nie verlassen konnte. So hatte Simon sie aus Schulzeiten in Erinnerung, und wie er sie seit ihrer Ankunft erlebte, hatte sich an dieser Grundeinstellung nichts geändert. Nina war der extreme Fall derer, die weder weitergefahren noch falsch abgebogen waren. Sie war einfach am Straßenrand stehengeblieben.

Gewisse Charakterzüge fand Simon immer noch bei allen seinen ehemaligen Schulkameraden. Arne war nach wie vor sehr dominant und selbstbewusst, legte aber ein ausreichendes Maß an erwachsener Vernunft an den Tag. Trotzdem fragte sich Simon, ob er in schwierigen Situationen noch dazu neigte, die Beherrschung zu verlieren.

Kai war von ähnlicher Natur, und es wunderte Simon nicht, dass Arne und er Jahrzehnte nach dem Schulabschluss noch befreundet waren. Malte, der Dritte in diesem Bunde, war ebenfalls erwachsen geworden, doch unter der Fassade schlummerte immer noch eine kaum zu bändigende Energie, die ihm selbst zur Gefahr werden konnte.

Wieder ein Schub im Kopf, ein Rauschen wie das Aufbranden einer riesigen Welle. Kurz glaubte Simon, nicht einmal mehr etwas Anderes zu hören. Das Geräusch verblasste und ließ einen nervigen atonalen Pfeifton zurück, der erst Sekunden später verebbte.

Er hätte sich nie darauf einlassen sollen, weder auf den Eingriff noch auf dieses unselige Klassentreffen. Außer seiner Schwester waren ihm alle Beteiligten zuwider oder einerlei und gaben ihm nichts, dem er etwas Positives abgewinnen konnte. Letzten Endes hatten Carols Überredungskünste obsiegt, die es immer wieder schaffte, seinen Starrsinn niederzuringen.

Sie hatte es ein wenig leichter, mit den anderen klarzukommen: Ihre Altersstufe hatte bis zu Beginn der achten Klasse aus zwei Parallelklassen bestanden. Dann hatten fast alle Mitschüler zum gymnasialen Zweig gewechselt. Sehr zum Unmut ihrer Eltern hatten Carols Noten dafür nicht gereicht, und die Schulleitung hatte beschlossen, die verbliebenen Schüler der beiden Klassen zusammenzulegen. Erst da hatte Carol die ganzen Freaks aus Simons Klassengemeinschaft näher kennengelernt.

Mit den Mädchen war sie einigermaßen klargekommen. Ihre tiefgründige Menschenkenntnis war Simon bisweilen unheimlich. Innerhalb kürzester Zeit konnte sie ihre Mitschülerinnen in die für sie vorgesehenen Schubladen stopfen und hatte für den Umgang mit ihnen scheinbar immer das richtige Handbuch dabei. So schaffte sie es schnell, sich zu integrieren. Sie kam mit der selbstbewussten Schönheit einer Sabine ebenso zurecht wie mit der versnobten Distinguiertheit einer Yvonne. Auch Ninas unverhohlen zur Schau gestellte Naivität wusste sie gekonnt zu ignorieren, ohne dem blonden Wonneproppen das Gefühl zu geben, ein Dummerchen zu sein.

Summend trat Carol aus dem Badezimmer, ein graues Handtuch um den Körper geschlungen und ein weißes auf dem Kopf. Sie erblickte ihren Bruder auf der Bettkante und blieb wie angewurzelt stehen. »Oha! Depri-Alarm!«, konstatierte sie.

»Halb so wild«, wehrte Simon ab und machte eine wegwerfende Bewegung mit beiden Händen. Er stand auf und streckte sich. »Nur Kopfweh. Ist einfach zu heiß hier.« Die Worte kosteten ihn Kraft und purzelten wie dicke Klumpen über seine Zunge.

Sie sah ihn skeptisch an, während sie sich die Haare trockenrieb. »Hattest du wieder visuelle Aussetzer?«, fragte sie zielsicher.

»Dir kann man aber auch nichts vormachen, oder?« Er grinste gequält.

»Damit ist nicht zu spaßen«, sagte sie ernst und rubbelte sich einen Rest Feuchtigkeit aus den Haaren. Sie warf das feuchte weiße Handtuch über eine Stuhllehne und baute sich vor Simon auf, die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich hab dir gesagt, dass die subkutane Variante nicht so gut funktioniert.«

»Und du weißt, dass ich mir kein Loch in den Schädel bohren lassen werde«, gab er grimmig zurück.

»Der Eingriff wird über die Halsvene vorgenommen …«

»Das weiß ich«, unterbrach er sie und versuchte sofort, die Schärfe aus seinen Worten zu nehmen. »Trotzdem möchte ich nicht, dass jemand in meinem Kopf rumfummelt. Dass das Ding da unter meiner Haut steckt, ist schon schlimm genug.«

»Ich sag’s ja nur«, sagte Carol beschwichtigend. »Aber wenn das nicht besser wird, musst du gleich nächste Woche noch einmal hin. Das muss eingestellt werden, bevor du noch durchdrehst oder auf andere Weise Schaden davonträgst.«

»Werde ich machen, versprochen.«

»Ich nehme dich beim Wort, kleiner Bruder.« Sie strich ihm fürsorglich übers Haar. »Was hast du gesehen?«

Er hatte gedacht, sie würde auf seinen Bericht verzichten, hatte sich aber wie so oft getäuscht. Sie vermochte den Faden eines Gesprächs an jeder x-beliebigen Stelle wieder aufzunehmen, selbst wenn dieses schon mehrere Windungen den Fluss hinabgeflossen war.

»Dieser Junge im Diner«, setzte er an und hielt inne. Er erinnerte sich an die Augen des Kleinen, die ihn so durchdringend, so wissend angesehen hatten. Unwillkürlich lief ihm ein Schauder über den Rücken.

Carol legte die Stirn in Falten, brauchte eine Sekunde, um sich an den kleinen Besucher zu erinnern. »Ach, der. Was ist mit ihm?«

Die Worte kamen, ohne dass er darüber nachgedacht hatte oder sie aussprechen wollte. »Er macht mir Angst.«

Jeder andere hätte das lächerlich gefunden, Carol blieb todernst. Simon nahm das als Aufforderung und Ermutigung weiterzusprechen.

»Er hat mich angesehen, als würde er mich kennen«, erklärte er, um eine präzise Beschreibung seiner aufgewühlten Empfindungen bemüht. »Und ich kenne auch ihn irgendwie.«

»Du weißt, dass das höchst unwahrscheinlich ist.« Trotz aller Skepsis, die Carols Worte vermittelten, zweifelte sie nicht grundsätzlich an Simons Verstand.

Er nickte. »Jaja, ist mir schon klar. Das hast du mir vorher lang und breit erklärt. Nur wir aus der Klasse und die Leute aus dem Diner. Mit mehr Menschen würden wir hier gar nicht zu tun haben.« Simon wandte sich um und ging einmal im Motelzimmer auf und ab. Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und stand wieder seiner Schwester gegenüber. Sah sie fragend an. »Hab ich mir den Scheißer dann nur eingebildet?«, fragte er hilflos.

Carol sortierte ihre Gedanken und ihre Worte, bevor sie antwortete. »Den Jungen und seine Mutter habe ich auch gesehen. Die sitzen bestimmt immer noch da, und er mampft seinen Burger.«

»Aber du hast doch erklärt, dass …«

Sie winkte hektisch mit beiden Händen und schnitt ihm das Wort ab. »Ich weiß, was ich gesagt habe. Und ich bin bis eben auch davon ausgegangen, dass es exakt so abläuft, wie ich es dir erklärt habe und wie die anderen es in ihren Nachrichten mit abgenickt haben. Mann, wie lange haben wir das Treffen denn geplant? Es war doch alles besprochen.«

»Eben!«

»Du hast es gehört: Donnie braucht die zusätzlichen Gäste fürs Geschäft.« Carol warf ratlos die Arme in die Luft. »Vielleicht sind es aber auch NPCs.«

»Was, bitte?«, fragte Simon ungehalten.

»Non-player characters«, erklärte seine Schwester. »Digitale Komparsen, denen man ein paar Instruktionen ins Drehbuch schreibt und die das Setting per künstlicher Intelligenz steuert.« Sie sah Simons unwilligen Blick und ließ ein resigniertes Schnaufen vernehmen. »Ich weiß es doch auch nicht. Die anderen waren genauso überrascht wie wir. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.«

»Wirklich, Carol, seine Richtigkeit hat es nicht«, sagte Simon bitter.

»Wieso denn nur?« Allmählich verlor sie die Geduld.

»Wenn das nur irgendein Gast wäre, der da in der Ecke sitzt und seine Fritten in sich reinstopft und dann geht, ist das eine Sache. Aber nicht, wenn er mich anstarrt und mir das Gefühl gibt, ich hätte ihm in die Cola gespuckt.«

Zum ersten Mal erlebte Simon seine Schwester ratlos. Sie schwieg und sah ihn nachdenklich an. Einen Moment lang wusste er nicht, ob sie ihn als Nächstes entnervt anblaffen oder ihn beruhigend in den Arm nehmen würde.

Sie entschied sich für einen Blick aus dem Fenster. Mit verschränkten Armen trat sie vor die Scheibe und sah hinaus auf den Parkplatz. Das Motelgebäude warf inzwischen seinen Schatten auf die Hälfte der Fläche davor, der Rest und die gegenüberliegende Mauer strahlten noch in der Hitze der Nachmittagssonne. Jenseits der grob verputzten Wand ragten verschiedene flache Wohnhäuser und ein paar Werkhallen empor. Die Luft über den Dächern flimmerte.

Simon trat neben Carol und stopfte die Hände in die Hosentaschen. »Ganz schön heiß hier«, stellte er fest.

»Hm«, bestätigte sie gedankenverloren. »Sei froh, dass die Klimaanlage hier so gut funktioniert. Es wäre sonst nicht auszuhalten.«

Einige Sekunden lang lauschte Simon dem Rasseln der Anlage, deren vergilbter Blechkasten über der Tür montiert war. Carol hatte darauf bestanden, die Temperatur nicht zu weit herunterzuregeln. In ihrem Beruf hatte sie sich die eine oder andere Erkältung zugezogen, weil das Hotelpersonal, das ihr Zimmer hergerichtet hatte, offenbar der Meinung war, nur in einer Tiefkühltruhe fänden die Gäste einen gesunden Schlaf.

»Du solltest vielleicht noch einmal hinuntergehen«, schlug Carol zögernd vor. Der Unterton in ihren Worten verriet es: Sie schien von der Idee selbst nicht überzeugt zu sein.

»Wozu soll das gut sein?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Vielleicht genügt es, wenn du den Jungen noch einmal siehst und feststellst, dass nichts Außergewöhnliches an ihm ist. Kinder glotzen einen ja gern mal an und feixen. Ist doch möglich, dass du das falsch aufgefasst hast und es überbewertest.«

Simon ließ die Schultern hängen und sah nach draußen. Schließlich fasste er sich ein Herz und trat zur Tür.

»Was tust du?«, fragte Carol.

»Was du gesagt hast«, antwortete er und griff nach der Klinke. »Nachschauen, ob der Hosenscheißer immer noch feixt.«

Seine Schwester hob den Daumen und lächelte ihn aufmunternd an.

Die Hitze schlug über Simon zusammen, als wäre er ins Innere eines Stahlwerks getreten, obwohl sich der Eingang zum Motelzimmer im Schatten gen Osten öffnete und darüber hinaus der davor verlaufende offene Gang überdacht war. Eilig schloss Simon die Tür. Wahrscheinlich würde er sogar noch einmal duschen müssen, wenn er über den Parkplatz rannte und sich der Sonne des Spätnachmittags aussetzte. Er spürte, wie ihm unter den Achseln wieder der Schweiß ausbrach. Flecken an den betreffenden Stellen des dunkelblauen Hemds waren eine Frage von Sekunden.

Am Fuß der Treppe erfasste Simon eine Böe. Leichter Wind war aufgekommen. Für Abkühlung sorgte der nicht, eher für das Gefühl, vor einem gigantischen Föhn zu stehen. Die Palmwedel über Simon gerieten in Bewegung und raschelten wie trockenes Stroh.

Auf dem Weg hinüber zum Diner begegnete ihm keine Menschenseele. Es waren noch zwei Autos hinzugekommen, Mittelklassewagen amerikanischer Marken, die Simon unbekannt waren. Vermutlich gehörten sie dem Personal, das allmählich für die Abendschicht eintrudelte.

Die zwanzig Meter zwischen dem Schatten des Motels und der überdachten Veranda legte Simon mit großen Schritten zurück, um sich möglichst wenig der sengenden Sonne auszusetzen. Einmal mehr fragte er sich, wer dieses Setting ausgesucht hatte und wieso. Insgeheim pflichtete er Yvonne bei, Authentizität hin oder her. Ein Diner in den US-amerikanischen Sechzigern als Kulisse für ihr Klassentreffen war eine brillante Idee. Prinzipiell wäre ihm nichts Besseres eingefallen. Die wenig attraktive Alternative war eine verrauchte Dorfkneipe in Deutschland.

Trotzdem hatte es der Organisator mit der Realität ein wenig übertrieben. Der Diner hätte gern im trubeligen New York sein dürfen, oder in San Francisco. Zum einen wären dort die klimatischen Verhältnisse erträglicher gewesen. Der andere Kritikpunkt war dieses Kaff. Außer dem Restaurant blieben ihnen kaum Möglichkeiten für die Abendgestaltung. In einer der Metropolen hätten sie später noch um die Häuser ziehen und andere Lokale besuchen können. Am Ende spielte der Preis des gebuchten Settings eine Rolle, vermutete Simon.

Bei der Fahrt durch den Ort hatte er keine Bars oder Pubs gesehen. Wahrscheinlich gab es sie, aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, diese vorher zu recherchieren, geschweige denn zu prüfen, ob sie für die Gruppe der Mittfünfziger etwas Geeignetes darstellten. Vor seinem inneren Auge stellte er sich heruntergekommene Spelunken mit rauchvergilbten Decken und bierverklebten Tischoberflächen vor, in denen sich durchreisende Trucker und fragwürdige Motorradgangs mit Bier und importiertem Rum in Stimmung brachten, bevor sie lautstark und Fäuste schwingend aufeinander losgingen. Simon hasste sich für dieses Klischeedenken, abschalten konnte er es nicht und grinste in sich hinein.

Er öffnete einen Flügel der Hintertür, die Donnie oder Val zwischenzeitlich geschlossen hatten, damit die Hitze draußen und die Kälte drinblieben. Die frostige Luft ließ ihn abermals schaudern und trieb ihm die Gänsehaut über den Rücken. An der Decke rotierten mit leisem Surren die Ventilatoren, einer lief nicht ganz rund und verursachte bei jeder Umdrehung ein penetrantes Klickgeräusch.

Der Diner war menschenleer. Hinter der Theke war niemand, Simon hörte wieder das Klappern von Pfannen und Besteck aus der Küche. Die Jukebox war angeworfen worden, funkelte wie ein Weihnachtsbaum und spielte einen Song von Roy Orbison, den Simon nicht kannte.

Der Junge und seine Mutter hatten das Lokal verlassen. Eine Last fiel von Simons Schultern, und er atmete erleichtert aus. Er hatte gehofft, dass er sich den seltsamen Blick des Kindes nur eingebildet hatte und wirklich nichts Bedeutsames darin zu lesen war, so wie es auch Carol ihm erklärt hatte. Umso besser, dass der Kleine bereits verschwunden war und Simon sich der Konfrontation entziehen konnte.

Die Überreste ihres Mahls hatten die beiden Gäste auf dem Tisch zurückgelassen: Auf dem Tablett stand das Glas, einen Rest Cola am Boden, daneben der Teller mit ein paar übriggelassenen Pommes Frites. Eine Lache Ketchup war ebenfalls darauf verteilt, eine zerknüllte Serviette komplettierte das chaotische Arrangement.

Bei dem Anblick wurde Simon wieder mulmig zumute. Irgendetwas drängte aus seinem Unterbewusstsein nach oben, eine Erinnerung, die er längst begraben wähnte. Er trat näher an den Tisch, und Schritt für Schritt wurde die schemenhafte Rückblende schärfer und greifbarer.

Das Bild aus der Vergangenheit war schlagartig wieder da. Das Blut rauschte in Simons Ohren, vermischte sich mit dem Sirren der Ventilatoren und dem Klick-klick-klick des einen defekten Flügels. Die Musik war verstummt. Oder übertönt.

Auf dem Teller hatte der Junge mit den übrigen Pommes einen Smiley geformt, grob zwar, aber eindeutig erkennbar. Allerdings grinste er nicht wie seine klassischen Vorbilder. Jeweils zwei dünne Fritten lagen über Kreuz und stellten die Augen dar. Drei andere, in einem leicht zu beiden Seiten abwärts gerichteten Bogen arrangiert, verdeutlichten den leidenden Gesichtsausdruck. Der dicke Klecks Ketchup, der gewissermaßen am Kinn des Smileys klebte, hätte mit einiger Phantasie eine herausgestreckte oder hängende Zunge sein können.

Oder Blut.