Unnormale Umstände

Eine Samstagnacht im September

Ben stellt sich dem Hünen in den Weg. Die schrankartige Statur des Mannes deutet auf regelmäßige Besuche in einem Sportstudio hin. Das Gesicht umrahmt ein schwarzer Bürstenhaarschnitt und ein akkurat
gestutzter Vollbart. Die drei Begleiter sind von ähnlichem Format, alle in dunkle Trainingshosen und Bomberjacken gehüllt. Angeregte Gespräche und Gelächter des Quartetts schallen den Gehweg herauf.

Je näher sie kommen, umso mehr sinkt Bens Mut. Statt die Arme souverän vor der Brust zu verschränken, vergräbt er die Hände in den Hosentaschen. Seine Finger spielen nervös mit dem Schlüsselbund auf der einen Seite, auf der anderen fahren sie über die glatte Oberfläche des Handydisplays. Im gelben Lichtkegel der Straßenlampe kommt sich Ben auf einmal winzig und verloren vor.

Drei Meter vor ihm bleibt der Anführer der Truppe unvermittelt stehen. Einer seiner Kumpels, der sich gerade eine Zigarette anzünden will, rennt ihm in den Rücken.

»He, Olli, was’n los?« Er lugt seinem Freund über die Schulter und runzelt die Stirn. »Hast du einen Geist gesehen?«

Olli schiebt einen Kaugummi zwischen den Zähnen hin und her und starrt Ben an. Sein Gesicht zeigt keine Regung. Langsam neigt er den Kopf einmal zur linken, dann zur rechten Seite. Ben hört das Knacken von Halswirbeln.

Er wappnet sich für eine Konfrontation. Seinem Gegenüber ist er körperlich nicht gewachsen. Olli könnte ihn mit einem Schwinger seiner Pranke problemlos vom Gehweg direkt auf die Straße fegen oder an die benachbarte Hauswand nageln.

Um eine Schlägerei geht es Ben nicht. Irgendeine Reaktion des Kraftsportlers wäre für ihn schon ein Erfolg. Ein verächtliches Lächeln, Verwirrung, Überraschung. Nichts davon ist bei Olli zu erkennen.

Ben fasst sich ein Herz, reckt das Kinn vor und
fixiert den jungen Mann. »Ja, was ist, Olli? Hat es dir die Sprache verschlagen?«

Er ist überzeugt: Spätestens jetzt muss der Kraftprotz auf die Provokation reagieren, wenn er nicht vor seinen Kumpels wie ein Schwächling dastehen will. Unter normalen Umständen wäre Ben so eine Aktion im Traum nicht eingefallen. Er hätte sich an die Hauswand gedrückt, um die Männer passieren zu lassen, oder gleich die Straßenseite gewechselt.

Normale Umstände. Normal ist schon seit Tagen nichts mehr.

Ein anderer von Ollis Kumpels versetzt dem Riesen einen Rempler mit der Schulter. »He! Is‘ dein Akku leer?« Die übrigen beiden lachen. »Komm, lass uns weitergehen.«

Olli bringt sie mit erhobener Hand zum Schweigen. »Wartet mal!«, grummelt er mit tiefer Stimme. Er zieht die Augenbrauen zusammen und starrt weiterhin Ben an.

Der tritt von einem Bein aufs andere. Dem Blick des Mannes standzuhalten, fällt ihm immer schwerer. Abwarten ist keine Option. Im Niederstarren ist Ben kein Profi und verliert sogar regelmäßig gegen die Nachbarskatze.

Er räuspert sich. »Los, Olli, mach Platz! Der Gehweg ist nicht breit genug für uns beide.« Wenn Ben den Typen nicht in Rage versetzen kann, dann bringt ihn der angestaubte Westernspruch vielleicht zum Reden.

Olli stopft die Hände in die Taschen seiner Jacke und macht einen Schritt auf Ben zu. Er überragt ihn einen ganzen Kopf. In seinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus, das allerdings nicht Ben gewidmet ist. Olli dreht sich auf dem Absatz um.

»Wisst ihr was?« Seine Begleiter glotzen ihn ratlos an. »Ich hab Hunger, und Eddies Party geht sowieso die ganze Nacht. Ihr kennt ihn doch. Da können wir auch später noch aufschlagen.« Er klatscht in die Hände. »Lasst uns nochmal zum Döner.«

»Feine Idee!«, ruft einer der Jungs aus, die anderen tauschen Fist-Bumps aus und nicken eifrig.

Mit hängenden Schultern verfolgt Ben, wie die vier Freunde den Gehweg zurückgehen, den sie eben heraufgekommen sind.

»He, ich stehe hier, redet mit mir!«, ruft er ihnen hinterher. »Wenn wir uns schon nicht schlagen, dann lasst uns doch wenigstens eine rauchen und ein bisschen quatschen!«

Olli und seine Kumpels verschwinden um eine Hausecke, ihre launigen Unterhaltungen verblassen. Zurück bleibt das sanfte Vibrieren der Stuttgarter Nacht.

Mehr Bestätigung braucht Ben nicht. Er stand gut sichtbar im Weg. Er hat Olli angesprochen, ihn herausgefordert. Und was macht der? Dreht sich um und geht davon! Damit reiht er sich ein in Bens lange Liste von einseitigen Begegnungen in dieser seltsamen Nacht.

Er hat seinen Wagen wie üblich mehrere Häuserblocks entfernt hinter der Johanneskirche parken müssen, weil vor seiner Wohnung kein Parkplatz zu finden war. Ein anderes Auto hat ihm die letzte Lücke weggeschnappt, obwohl er den Blinker gesetzt hatte. Der Fahrer strafte Bens Schimpftiraden mit völliger Gleichgültigkeit und ging, einen aktuellen Popsong pfeifend, einfach davon.

Das Summen des Handys reißt Ben aus seiner Grübelei. Er zerrt es hektisch aus der Hosentasche. Das Display zeigt eine Nachricht seines Mobilfunkanbieters: »Sie haben unsere Dienstleistungen seit einem Kalenderjahr nicht genutzt. Melden Sie sich bitte bis zum Monatsende in Ihrem Online-Account an, um Ihre Identität zu bestätigen.«

Ben reißt die Augen auf. Er hat in den vergangenen Tagen häufig telefoniert und Kurznachrichten geschrieben, vor allem an Sara, seine langjährige beste Freundin. Wie kommt die Telefonfirma darauf, dass er sein Smartphone nicht mehr benutzt?

Und da: Eine Nachricht von Sara ist eingegangen. Das dämpft Bens aufkeimende Panik. So ganz aus der Welt getilgt ist er noch nicht. Er öffnet Saras Message.

»Sorry, kennen wir uns? Ich kann mit Ihrer Nachricht leider nichts anfangen.«

Der Klumpen in Bens Bauch wächst wieder. Nun auch noch Sara!

Er tippt in den Kontaktinfos direkt auf »Anrufen«. Es ertönt kein Rufsignal im Hörer, nur ein arthritisches Knacken, gefolgt von einer weiblichen Stimme, die ihm lapidar mitteilt: »Diese Nummer existiert nicht.«

Ben starrt den Bildschirm an, auf dem Saras Telefonnummer steht. Die kennt er auswendig.

Das muss ein technischer Fehler sein, sagt er sich. Er hat es diese Woche schon einmal bei Sara versucht und eine ähnliche Ansage gehört. Er legt auf und tippt die Ziffern mit zitternden Fingern ein. Das Gerät an seinem Ohr fühlt sich heiß an wie ein gebackener Ziegelstein.

»Diese Nummer existiert nicht«, verkündet die automatische Ansage kaltherzig.

»Existiert nicht«, wiederholt Ben tonlos. Er lässt das Handy sinken und starrt die nächtliche Straße hinab. »So wie ich.«

Der Auftrag

Eine Woche zuvor, am Nachmittag

»Wie Atlas …«, geht es Gizem durch den Sinn.

Schritte nähern sich von hinten. Hastig dreht sie sich um.

»He, kein Grund zur Sorge. Ich bin’s nur.«

Gizem atmet erleichtert aus. »Hallo, Svensson. Sorry, ich war in Gedanken.«

Der großgewachsene Kerl mit dem grauen Bürstenhaarschnitt bleibt halb hinter der Straßenecke stehen. Er lutscht ein Bonbon und verzieht dabei den Mund. Auf den ersten Blick ist Gizem nicht klar, ob er grinst. Die hellblauen Augen, die sie durch die großformatigen Brillengläser anschauen, vermitteln milde Belustigung.

»Guck nicht so«, grummelt die junge Türkin. »Ich hab dein Auto echt nicht gehört.«

Svensson deutet mit dem Daumen über die Schulter. »Ich hab den Wagen in einer Seitenstraße geparkt, damit ich dich bei den Beobachtungen nicht störe.«

»Danke, dass du mich abholst.«

Er zuckt mit den Achseln. »Den Chauffeur geb ich gern. Schön, dass du wieder in der Gegend bist. Hauptsache, ich muss deinen Job nicht übernehmen.«

Gizem lacht auf. »Das hast du ja lang genug gemacht.«

»Und eine würdige Nachfolgerin habe ich auch. Ehrlich, ich verspüre keine Lust mehr auf solche Aufträge. Das ist mir zu stressig. Die Menschen werden immer komplizierter.«

»Da hast du leider recht. Ich bin froh, dass du trotzdem nicht von der Branche loskommst. Damit meine ich nicht nur, dass du mich herumkutschierst. Deine Ratschläge kann ich immer wieder gut gebrauchen. Ich hab da so einen speziellen Fall.« Gizem rümpft die Nase. »Nur über dein Hobby sollten wir uns unterhalten. Es riecht nach … Anis?«

In seiner freien Zeit kreiert Svensson Bonbons in gewagten Geschmacksrichtungen. Gizem argwöhnt, dass er die wilde Kombination von Zutaten so wählt, um sich an den Reaktionen seiner Testpersonen zu erfreuen.

Er kramt in seiner Jackentasche und fördert eine runde Bonbondose aus silbern glänzendem Blech zutage. Darin klappert es. »Magst du eins? Senf-Lakritz.«

Sie verzieht das Gesicht. »Äh, ein anderes Mal.«

Svensson zuckt mit den Achseln und steckt die Dose ein. Er deutet mit dem Kinn die Straße hinunter. Hundert Meter entfernt steht ein Mann um die dreißig regungslos und mit hängenden Schultern vor
einem Gartenzaun. »Wen haben wir denn da?«

»Atlas.«

»Dein Ernst? So heißt kein Mensch.«

»Natürlich nicht. Kennst du die Sage von dem Halbgott? Der musste zur Strafe das Himmelsgewölbe auf den Schultern tragen. Das da drüben ist möglicherweise seine Reinkarnation. Okay, vielleicht ein entfernter Verwandter. Er sieht aus, als würde er das Gewicht der ganzen Welt mit sich rumschleppen.«

»Du übertreibst.«

Gizem seufzt ergeben. »Mag sein. Darf ich vorstellen: Das ist Ben Schott, gelernter technischer Zeichner, unzufrieden im Job und deshalb nun Student im dritten Semester, Ethnologie.«

Stumm betrachten sie den schlaksigen Mann mit den unzähmbaren aschblonden Haaren. Die Schultern sind gekrümmt, wahrscheinlich vom übermäßigen Arbeiten am Bildschirm und der Lektüre von Büchern, der Kopf ein Stück zu weit nach vorn gebeugt. Ein Fall wie aus einem Lehrbuch für Orthopäden. Die Hände tief in den Taschen seiner labberigen Jeans vergraben, steht er dort vor seinem Elternhaus. Neben sich auf dem Gehweg wartet eine eingefallene Sporttasche, halb gefüllt mit Sachen für einen Wochenendbesuch hier in Weil der Stadt. Sein Blick ruht auf einer unbedeutenden Kleinigkeit im Vorgarten. Vermutlich durchdringt dieses Starren den Gegenstand der Betrachtung bis hin zu einer damit verbundenen Kindheitserinnerung. Eine Blume vielleicht, die Gizem und ihr Begleiter von ihrer Position die Straße hinunter hinter dem Zaun nicht sehen können, oder irgendwelcher Dekokram, gekauft von der Mutter auf einer Gartenschau.

»Ein Cent für deine Gedanken, junger Mann«, murmelt Gizem vor sich hin.

Svensson beugt sich zu ihr hinüber. »Wie bitte? Du musst nicht flüstern, er kann dich nicht hören.«

»Da bin ich mir manchmal nicht so sicher. Er ist … anders. Weißt du, ich studiere ihn seit Wochen. Er hat mich wahnsinnig gemacht mit diesen plötzlichen Denkpausen. Er hat richtige Aussetzer. Wie ein alter Computer, der seinen Speicher neu organisiert und solange keine Eingaben zulässt.«

»Du kennst alte Computer?«

»Vergiss nicht, mein Aussehen lässt keine Rückschlüsse auf mein Alter zu.« Gizem grinst.

»Entschuldige, ich wollte dich nicht kränken.«

»Wie könntest du?«

»Wie sieht der Auftrag aus? Scheint ja wirklich ein besonderer Fall zu sein.«

»Ich hab oben mehrmals nachgefragt. Es gibt noch keine Order, ihm näher auf die Pelle zu rücken. Ich darf ihn nur aus der Ferne analysieren, sein soziales Umfeld, Familie und Freunde.« Gizem spricht im gestelzten Tonfall eines Bürokraten. »Ich soll ihn einschätzen lernen, seine Gemütsverfassung, sein Wesen, seine Aktionen und Reaktionen.«

»Und weiter?«

»Sie erwarten eine Bewertung einschließlich einer Eignungsempfehlung. Ich soll ihnen sagen, ob er für den Job qualifiziert ist.«

Svensson stößt leise einen hohen Pfiff aus. »Holla, ein Kandidat! Ich dachte, er wäre ein Reisender.«

»Nein, tatsächlich halten sie ihn für geeignet. Aber halt den Ball flach. Sie haben mich eindringlich gewarnt. Er ist supernachdenklich, und mein Vorgänger hat das fälschlicherweise als Trübsal interpretiert.«

»Wer war das?«

»Schmidt. Er hat hingeschmissen, bevor es zum Kontakt kam.«

»Der Schmidt?« Svensson sieht Gizem mit geweiteten Augen an. »Wenn der hinschmeißt, dann heißt das was.«

Sie nickt. »Oh ja. Ben ist ein Zyniker, sarkastisch. Er hat Schmidt, ohne von dessen Auftrag zu wissen, mit seinen Sprüchen und seiner … gebremsten Art in die Verzweiflung getrieben. Von der Offenbarung der Pläne der Organisation Ben gegenüber war er noch meilenweit entfernt.«

»Wieso hat es dieser Ben dann zum Anwärter geschafft? Da gibt es sicher aussichtsreichere Kandidaten?« Svensson schaut ratlos drein.

»Genau deshalb, haben sie mir geantwortet. Und mir viel Erfolg gewünscht.«

»Typisch. Und wie kommst du voran?«

Gizem seufzt und lässt die Schultern sinken. »Ich habe Stunden in den hinteren Sitzreihen von Hörsälen verbracht, mir knochentrockene Vorlesungen zu …« Sie schielt gen Himmel, als stünde dort der Lexikoneintrag, den sie nennen will. »… interkultureller Ethik, Migrations- und Stadtethnologie und … wie hieß das? … epistemologischen Grundsatzreflexionen angehört. Das ist so unfassbar langweilig wie es unaussprechlich ist. Ich bin mehrmals dabei eingeschlafen. Wenigstens hat sich Ben für sein Studium Heidelberg ausgesucht, da gibt es eine schöne Altstadt und coole Kneipen. Nicht dass er jeden Abend einen draufmacht. Er hat eine Handvoll Freunde, die ihn hin und wieder zur Party überreden. Aber ganz oft finde ich ihn im Schlosspark in Gedanken, oder er sitzt in ein Buch versunken am Neckarufer.«

Zahllose Male ist sie ihm nach Weil der Stadt gefolgt, der Geburtsstadt Johannes Keplers am Nordostrand des Schwarzwaldes. Wie ein Spion spähte sie durch Hecken und über Zäune, verfolgte die Gespräche zwischen Ben, den Eltern und seiner Schwester Maike.

Gizem kann nicht behaupten, dass sie ihn nach annähernd vier Monaten fast lückenloser Beschattung gut kennt. Frühere Aufträge, also Kandidaten, stellten sich innerhalb kürzester Zeit als ungeeignet heraus. In Gizems Notizbuch hätte ihre Beschreibung mit Mühe drei Seiten gefüllt und wäre himmelschreiend öde gewesen. Wegen dieser Durchschnittlichkeit war sie nicht in der Lage, eine tiefere Verbindung zu diesen Menschen aufzubauen. Und bewegte ihre Vorgesetzten dazu, ihr eine kniffligere Aufgabe zuzuteilen. Ben.

Mag sie ihn? Der Gedanke schüttelt sie innerlich. Emotionen sind von oberster Stelle untersagt. Dem Thema ist in den Vorschriften ein umfangreiches Kapitel samt Gegenmaßnahmen gewidmet. »Interessant«, sagt sie sich. Sie findet ihn und sein Verhalten allerhöchstens inspirierend. Mehr nicht. Ganz sicher.

Erneut nähern sich Schritte hinter der Straßenecke. Gizem drückt sich instinktiv an den Zaun. Svensson stopft gelassen die Hände in die Jackentaschen und schaut sich um.

Ein Ehepaar jenseits der Siebzig kommt um die Ecke, die Frau auf die Griffe eines Rollators gestützt, in dessen Korb sie den Einkauf deponiert hat. Ihr Mann schlurft in zwei Metern Abstand hinter ihr her, in der rechten Hand einen Spazierstock, in der linken eine Tasche, aus der Lauch und Petersilie ragen.

»Einen schönen guten Morgen, die Herrschaften«, grüßt Svensson die beiden Senioren volltönend. Die zeigen keine Reaktion und trotten an Gizem und ihrem Mentor vorbei.

»Du bist unmöglich!«, raunt Gizem ihm zu und boxt ihm gegen den Oberarm.

Er zuckt mit den Achseln. »Wollte nur mal sehen, ob es immer noch funktioniert.«

»Das bedeutet gar nichts, dass die nicht reagieren. In Baden-Württemberg grüßt nur jeder Dritte, und wenn …«

Die Stimme des Rentners unterbricht sie. »Martina«, ruft er seiner Frau hinterher, »weißt du, worauf ich mal wieder Appetit hätte?« Er bleibt stehen.

»Was denn?«

»Lakritze!«

Gizem schaut Svensson mit geweiteten Augen an. Der spreizt die Arme und grinst.

»Wie kommst du auf sowas Komisches?«, antwortet die alte Dame, ohne stehenzubleiben. »Die hattest du seit Jahren nicht. Dann geh halt zurück, und hol dir welche!«

»Weiß auch nicht, ich meine ja nur. Hier roch’s grad so lecker nach Lakritze.« Grummelnd folgt der Senior seiner Frau den Gehweg hinab.

Dort steht Ben auf der anderen Straßenseite weiter vor dem Haus, stemmt die Hände in die Hüften, was die Ferndiagnose »Rückenleiden« bekräftigt, und schaut hinauf zur Fassade. Roter Backstein, weiße Fensterkreuze und die grüne Eingangstür möchten das Haus eher in Norddeutschland verorten. Spaliere an der Südseite stützen verschiedene Kletterrosen, deren vereinzelte zweite Blüten dem lauen Wind des Spätsommernachmittags trotzen. Das Gebäude mit dem friesischen Charakter passt nicht in die übrige Straße. Flachbauten mit weiß verputzten Außenwänden aus den Siebzigern säumen beide Seiten. Zwischen gestutzten Buchsbaumhecken und Schmucktannen drehen automatische Rasenmäher unermüdlich ihre Runden. Vorstellbar, dass der Stil von Bens Elternhaus bei den schwäbischen Nachbarn auf Missbilligung gestoßen ist. Unausgesprochen, versteht sich.

»Was geht ihm bloß durch den Kopf?«, will Svensson wissen.

Gizem zuckt mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste. Vielleicht freut er sich darauf, seine Familie zu sehen, oder er mag Blumen, was weiß ich!«

Zumindest das hat sie herausgefunden: Bens Zögern vor dem Haus stellt keine Ablehnung dar. Er kommt gern hierher, zum Ort seiner Kindheit und
Jugend. Gizem hat hinter der Hecke Gespräche im Garten belauscht, in denen es um die sorgenlose Zeit Anfang der Zweitausender ging. Da gab es diese endlosen Sommer mit Fußballspielen, dem aufblasbaren Schwimmbecken, das Opa Bruno wieder und wieder mit Flicken repariert hat, die eigentlich für kaputte Fahrradschläuche vorgesehen waren.

Aber Ben treibt mehr um als Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage, die wie Fotos verblasst sind. Gizem glaubt, ihn auf die Distanz hin kennengelernt zu haben, zu wissen, dass er in der Vergangenheit liest wie in einem Buch. Er sieht und hört verblichene Tage wie einen Film und ruft damit all die Gefühle wieder wach, die das Erlebte von damals ihm beschert haben.

Gizem wiegt den Kopf. »Ben ist anders. In den ersten Wochen ist mir sein unberechenbares, nachdenkliches Verhalten manchmal zum Verhängnis geworden. Ich habe dann fast meine Deckung aufgegeben, wäre ihm am liebsten vor die Füße gesprungen und hätte ihn geschüttelt.«

Svensson gibt ein belustigtes »Hm« von sich.

Sie dreht sich halb um und zieht die Stirn in Falten. »Was ist denn?« Der Unterton in ihrer Frage zeugt nicht von Trotz, eher von Verunsicherung.

Ihr Mentor hebt beschwichtigend die Hände. »Oh, ich hab mich nur gefragt, wie lange du den jungen Mann dort drüben noch anstarren willst.« Er legt den Kopf schräg und lächelt. »Er gefällt dir, oder?«

Gizem schnaubt und schaut die Straße hinunter. Damit weicht sie Svenssons bohrenden Blicken aus und verhindert, dass er ihre geröteten Wangen sieht, die sich glühend bemerkbar machen. »Du weißt, dass so etwas nicht zur Debatte steht.«

»Ich sag ja nur. Und du und die Regeln …« Svensson lässt das letzte Wort über dem Abgrund baumeln. »Jedenfalls müsste ich langsam aufbrechen. Bleibst du hier und nimmst nachher den Bus? Oder soll ich dich mitnehmen?«

»Ich komme mit.« Gizem wendet sich zu dem Älteren um, der auf seine Armbanduhr schaut. »Heute passiert hier nichts mehr, und ich sollte mir ein paar Stunden Schlaf gönnen. Morgen früh könnte ich dich und deine Kutsche allerdings noch einmal brauchen.«

Er hebt erstaunt eine Augenbraue. »Geht es los?«

Sie atmet tief ein und seufzt. »Ja, es wird Zeit, egal was die da oben sagen. Ich denke, Ben ist bereit.«