1 – Der Anstoß des Steins

Was der Stein wohl denkt? Da liegt er auf dem Gehweg und harrt der Dinge, die in Form von Schuhen, Stiefeln, Fahrradreifen und Kinderwagenrädern kommen.

Ist er gelangweilt von seinem Dasein als Kiesel, der bloß achtlos rumgeschubst wird?

Hunderttausend Jahre hat der Stein, nennen wir ihn Rocky, mit seinen Kumpels in einem Fluss gelegen, eng beieinander und schön kuschelig, für Gesteinsverhältnisse. Sie quatschten über dies und das, die Entstehung der Welt, Vulkanausbrüche, Magma, Lava – eine heiße Zeit war das. Bis sie in dem Fluss landeten und schließlich unter der Erde, für eine kleine Ewigkeit. Dann haben sie die Zweibeiner ausgebuddelt und voneinander getrennt. Was wohl aus seinem Nachbarn, dem quasselnden Quarzit geworden ist?

Und nun wartet er hier auf dem Gehweg irgendeiner Großstadt, mal im Regen, mal in der prallen Sonne, so wie heute. Die Pflastersteine, auf denen Rocky liegt, alles harte Kerle aus Basalt, sind den wärmenden Strahlen ebenfalls nicht abgeneigt und an diesem Morgen nicht ganz so übel drauf wie sonst.

Da, erneut kommt ein Paar Füße auf Rocky zu, modische Sneaker, sauber, schwarz-weiß. Zwei Schritte vor ihm bleiben sie stehen, gehen weiter und passieren ihn knapp. Wieder nichts. Also bleibt Rocky noch ein wenig hier liegen, den dreihundertzwölften Tag.

Ein heftiger Schlag erwischt ihn von hinten – als ob er eine Rückseite hätte – und befördert ihn in die Luft. Tolles Gefühl! Er hatte vergessen, wie irre sich Fliegen anfühlt. Wenige Zentimeter über dem Boden rast er den Gehweg entlang. Der Tritt lässt ihn eine Pirouette drehen, dabei sieht er die Treter des Mannes, der ihm diese unverhoffte Reise beschert: Halbschuhe aus dunkelbraunem Leder, schwarze Schnürsenkel. Mit der nächsten Drehung ist das Schuhwerk wieder aus dem Sinn, und der Kiesel sieht einem der Pflastersteine im Gehweg entgegen, der nicht mehr recht an seinem Platz sitzt. Eine seiner Kanten ragt zwei Zentimeter schräg aus dem Boden und schanzt den zwar unfreiwilligen, aber dafür begeisterten Flieger in die Höhe.

Yippieh! Es wird immer besser!

Mit einem dumpfen Klonk prallt Rocky gegen den Laternenpfahl am Rand des Trottoirs. Das Metall reißt ihn sowohl aus seinen Gedanken als auch aus seiner soeben buchstäblich angetretenen Flugbahn. Diese führt über den schmalen Grünstreifen in Richtung Straße. Beiläufig vernimmt Rocky hektische Schritte der braunen Lederschuhe auf dem Gehweg. So flink ist der Träger der Treter nicht, und der Stein setzt seinen Weg unbeirrt fort.

Etwas Rotes kommt auf ihn zu, und bevor ihm einfällt, was das sein könnte, hat er es schon erreicht. Sein eher unbedeutendes Gewicht wird durch die beachtliche Geschwindigkeit wettgemacht, die ihm der Tritt beschert hat. Wohlig nimmt Rocky den Aufprall wahr, mit dem er einen halben Quadratzentimeter des roten Lacks von einer Autotür sprengt und dem darunter befindlichen Blech eine ordentliche Delle verpasst. Größeren Schaden vermag er der Karre nicht zuzufügen, auch wenn der Gedanke daran ziemlich verlockend ist.

Der Rückstoß schleudert Rocky zurück zu der staunenden und johlenden Basalt-Fangemeinde. Mit ein paar letzten Aufsetzern bleibt er exakt dort liegen, wo die Schuhe des Mannes zum Stehen kommen.

»Nochmal!«, ruft Rocky ungehört.

»Scheiße!«, rufe ich, dem die Schuhe gehören.

Die blumige Kurzgeschichte des vermaledeiten Kiesels ist erstmal vergessen. Das Mineral hat eindrücklich ein paar physikalische Gesetze veranschaulicht und den Wert des alten Ford Fiesta halbiert, der da am Straßenrand vor sich hinrostet.

Resigniert lasse ich die Schultern sinken und gehe neben dem Gefährt in die Knie. Meine Umhängetasche rutscht nach vorn und dotzt hörbar gegen die Autotür, ohne einen erkennbaren Schaden zu hinterlassen. Das unförmige Loch im stumpfen Lack hingegen, das Rocky mit Freude gestanzt hat, ist bestens sichtbar, und meine Fingerspitzen ertasten die Delle im Blech.

»So ein Mist!«, murmle ich und richte mich auf.

Das einzig Positive, das ich der Sache abgewinnen kann: Das ist meine eigene Karre. Damit spare ich mir lästige Diskussionen mit hysterischen Sportwagenbesitzern oder genervten SUV-Muttis, von der Versicherung ganz zu schweigen.

Trotzdem schaue ich mich unauffällig um. Eventuell hat mich jemand bei der missglückten Abstoßaktion beobachtet und argwöhnt Ansätze von Vertuschung. Unter den Platanen, die in beiden Richtungen den Gehweg beschatten, ist niemand zu sehen. Es ist früher Nachmittag, und die Schüler sind schon zuhause und die Angestellten noch an der Arbeit.

Mein Fiesta reiht sich in die Kolonne der parkenden Autos am Straßenrand ein, auf deren Dächer einzelne vertrocknete Blätter gefallen sind. Dass das Auto in der einzigen Lücke des ansonsten wohltuenden Blätterdachs steht und derzeit von der Mittagssonne gegrillt wird, passt zum bisherigen Verlauf meines Tages. Es war der einzige freie Platz in der Seitenstraße, ergattert vor mehr als einer Woche. Den gebe ich erst auf, wenn ich wegen einer Naturkatastrophe Hals über Kopf das Land verlassen muss. Und vielleicht gehe ich selbst dann besser zu Fuß, da ich mit der Rostlaube nicht schneller wäre. Wenn sie denn überhaupt anspringt.

Ich ziehe eine Schnute und betrachte den Baumstumpf im vertrockneten Gras neben der Beifahrertür. Die rissige Scheibe mit den Jahresringen ist der letzte Beweis für die mit Kettensägen beendete Existenz des schattenspendenden Riesen mit der schuppigen Borke. Baumbart wäre sauer.

»Na, schon Feierabend?«, krächzt es hinter mir.

Ich zucke zusammen. Ich hätte es wissen müssen, die alte Schachtel hängt den ganzen Tag auf ihrem Balkon herum, egal ob auf der Straße etwas im Gange ist oder nicht.

Meine Gesichtsmuskeln konstruieren das einstudierte Lächeln. Die Schultern straffen sich unter dem verschwitzten hellblauen Baumwollhemd und verhelfen meiner eins achtundachtzig messenden Statur zu einem souveränen Auftreten. Das rede ich mir ein und drehe mich herum.

Da hockt sie, die Unterarme auf die Brüstung des Balkons im Hochparterre gestützt, wie einer dieser schelmisch grinsenden Gnome aus dem Gartencenter. Zum Glück hat sie den Mund geschlossen, sonst sähe ich mich ohne amtlich verordnete Vorwarnzeit dem Anblick ihres losen Gebisses ausgesetzt, das beim Sprechen ein beängstigendes Eigenleben entwickelt. Ihr faltiges Antlitz schmückt eine Art amüsierter Ausdruck. Jedenfalls versucht das der hochgezogene Mundwinkel zu vermitteln, wenn auch das vermeintliche Lächeln ihre Augenwinkel nicht erreicht. Ihre Pupillen verbergen sich hinter einer abgedunkelten Gleitsichtbrille.

»Ah, Madame Poiselle«, rufe ich beschwingt aus. »Welche Überraschung!«

Mit einem unauffälligen Blick nach oben versichere ich mich, dass auf den Balkonen des dreigeschossigen Reihenhauses niemand Zeuge unserer Begegnung wird. Eilig passiere ich die stets offene Eisengittertür, die zusammen mit einer niedrigen Klinkermauer den Gehweg vom Grundstück trennt, und betrete den kurzen Plattenweg zum Haus. Ich nehme zwei Stufen auf einmal und bin gewillt, den weißhaarigen Torwächter wortlos zu überrumpeln und ins Gebäude zu gelangen. Ihre grantigen Worte machen das Vorhaben zunichte wie eine vorgereckte Hellebarde.

»Poisel!«, ranzt sie mich an. »Mein Name ist Frau Poisel, das wissen Sie doch!«

Auf dem Podest vor der Eingangstür bleibe ich stehen und schaue sehnsüchtig die verheißungsvolle Klinke an, bevor ich mich zu der alten Dame umdrehe. Sie hat ihre kauernde Position an der Brüstung nicht aufgegeben und schenkt mir ein Mindestmaß an für die Konversation nötiger Zuwendung durch eine Drehung des Kopfs. Ich frage mich, ob die Maschen ihrer Strickjacke inzwischen mit dem Stein verwachsen sind und das bedauernswerte Geschöpf den Rest seines Lebens in dieser gebeugten Stellung verharren muss.

Ein zweites hellblaues Augenpaar schaut mich müde knapp über dem Rand der Balkonbrüstung an. Es gehört einem Mischlingshund, irgendwas mit Australian Shepherd, Shiba und gefleckter Kuh. Frau Poisel nennt ihren Schützling Porthos. Die Motivation zu dieser Namensvergabe blieb mir bisher fremd, vielleicht ein romantisches Faible für Alexandre Dumas. Ich bleibe bei Zorro, weil eine Laune der Natur seinem Fell quer über die Augen eine schwarze Binde verpasst hat. Die Trägheit des in die Jahre gekommenen Vierbeiners steht dem Temperament des Namensgebers diametral entgegen. Er gibt nicht mal einen zuverlässigen Wachhund ab. Besucher des Hauses begrüßt er treuherzig mit einem Hecheln vom Balkon aus.

»Poiselle klingt aber melodiöser«, behaupte ich. »Sind Sie denn sicher, dass Sie keine französischen Vorfahren hatten? Hugenotten vielleicht? Wäre doch möglich.«

Sie stößt verächtlich die Luft aus. »Pah, das wüsste ich! Mein Urgroßvater stammt aus Schlesien, und der Rest der Sippe ist von hier nicht weiter weggekommen als bis zur nächsten Hügelkette.«

»Das erklärt einiges«, murmle ich.

Sie spitzt die Ohren. »Wie bitte?«

»Nichts weiter«, entgegne ich ausweichend. Schweißperlen, vorrangig von der Hitze, rinnen aus meinen kurzen braunen Haaren über die Stirn. Mit dem Ärmel wische ich sie theatralisch weg. »Mir ging grad durch den Kopf, dass es doch ganz schön heiß ist, hier vor dem Haus. Drinnen ist es bestimmt angenehmer.« Ich deute eine Bewegung in Richtung Haustür an. Der Wink schießt an ihr vorüber.

»Es wäre nicht so heiß, wenn die Spinner von der Stadt den Baum stehengelassen hätten!« Sie deutet mit einem Kopfnicken zur Straße hinüber. Über dem Dach meines Autos flimmert die Luft. Frau Poisels Arme verbleiben einzementiert an Ort und Stelle.

»Haben denn nicht sogar Sie dort angerufen?« Der Einwand kommt wie ein Reflex, und ich hätte die Hand vor den Mund geschlagen, wenn die Worte nicht schon hinaus in die Welt wären.

»Ja, wieso auch nicht? Ständig dieser Dreck mit den Blättern auf dem Balkon! Wer macht denn den weg? Wofür bezahl ich die Grundsteuer und die ganzen Gebühren, wenn ich hier selbst saubermachen muss?«

Das Dasein als Physiklehrer hat mein Faible für Rationalität aufs Äußerste geprägt. Umso eindrücklicher ist das beachtliche Maß an Ratlosigkeit, das die Widersprüchlichkeit in Frau Poisels Handeln bei mir verursacht. Mit simplen Konzepten wie Aktion und Reaktion komme ich bei meinem Gegenüber nicht weit.

Die Aussicht auf die Fruchtlosigkeit dieses Palavers auf der einen Seite und die wartende Kühle des Hauses auf der anderen erstickt zusätzliche Kommentare meinerseits im Keim. Müde betrachte ich die tapferen Geranien in den Blumenkästen, die draußen an Frau Poisels Balkon hängen. Das leuchtende Rosa der Blüten ist in der Mittagshitze einem verschrumpelten Dunkelrot gewichen, und die Blätter sehen aus wie zu lang frittierte Gemüsechips.

Einen weiteren verbalen Klaps kann ich mir nicht verkneifen. Er keimt auf in der Hoffnung, die miesepetrige Dame zumindest so weit zu verstimmen, dass ich mich aus ihrem Netz aus Verdruss befreien kann.

»Was ist denn los, Statler? Sie sind heute gar nicht so gut gelaunt wie sonst?«

Eine hochgezogene Augenbraue signalisiert aufflammenden Argwohn hinsichtlich der neuerlichen Namensvergabe. Ich gehe davon aus, dass Frau Poisel nicht zum Muppets-Fanclub gehört.

»Haben Sie es nicht mitbekommen? Die Spaghettis haben gestern wieder bis in die Puppen gefeiert.«

Ich folge dem Blick ihrer durch die verdunkelten Brillengläser blitzenden Augen und wende mich dem Balkon auf der anderen Seite der Eingangstreppe zu. Auf einem langen Biertisch stehen allerhand Gläser und Flaschen, so als ob die Gäste der geselligen Zusammenkunft den Ort des Geschehens eben erst verlassen hätten. Die Tür zur Wohnung steht offen, und von drinnen ist das Geschepper von Kochgeschirr zu hören. Eine weibliche Stimme begleitet bemerkenswert textsicher einen Schlager von Umberto Tozzi. Keine Ahnung, woher ich das weiß.

»Ist doch nett, wenn hier mal was los ist«, entgegne ich, wieder meiner Gesprächspartnerin zugewandt.

»Nett? Bis um halb drei haben die Spaghettis gequasselt! Kein Auge hab ich zugetan!«

Ihr Schlafzimmer befindet sich wie meines auf der rückwärtigen Seite des Hauses, weshalb ich annehme, dass sie das Treiben in aufschäumender Wut hinter der halb geöffneten Balkontür des Wohnzimmers auf der Straßenseite verfolgt hat. Sie braucht halt was, damit die Blutdrucktabletten Sinn ergeben.

Ich muss hier weg. »Es heißt übrigens nicht Spaghettis.«

»Was soll das jetzt wieder heißen?«

»Abgesehen von der inakzeptablen despektierlichen Benennung unserer Mitbewohner, Miss Potato, lautet die Pluralform von Spaghetti nicht Spaghettis, sondern Spaghetti.« Ich beende das Referat mit einem triumphierenden Lächeln und wappne mich gegen die Erwiderung, indem ich meine Umhängetasche einem Schild gleich vor den Bauch ziehe.

Frau Poisel schaut einige Sekunden lang ausdruckslos drein, bevor sie gleichmütig antwortet: »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie ein unfassbarer Pfefferspalter sind?«

»Ja, hin und wieder. Und es heißt Kümmelspalter.«

»Sehen Sie?«

Punkt für sie. »Ich muss dann mal …«, wage ich einen neuen Ansatz zur Beendigung unseres nachbarschaftlichen Plauschs.

Sie torpediert den Fluchtversuch. »Was haben Sie da gerade eben eigentlich an Ihrem Auto gemacht?«

Ich bin sicher, sie hat es gesehen. Trotzdem frage ich: »Was meinen Sie, Inspektor Clouseau?«

Ihr linker Mundwinkel zuckt. Das Ruckeln ihres Kopfes deutet abermals zur Straße hinüber. Kurz fürchte ich, dass ihr Haupt im nächsten Moment ohne Vorwarnung abbricht und in den Vorgarten plumpst.

»Na, ich hab doch gesehen, dass sie an Ihrem Auto rumgefummelt haben. Ist schon wieder was kaputt? Warum verschrotten Sie das Ding nicht endlich? Steht sowieso nur rum und verschandelt die Aussicht!«

Um die wäre es mit dem zwischenzeitlich gefällten Baum besser bestellt, denke ich. Indes ist Frau Poisel über den technischen Zustand meines fahrbaren Untersatzes bestens im Bilde. Für die Installation einer Alarmanlage in der Karre, die ohnehin niemand klauen möchte, besteht kein Anlass. »Poisel Security Services« würde beim ersten Auftauchen schwarz vermummter Gestalten mit auffälligem Werkzeug ohne Zögern die Polizei verständigen. Sofern sie mir mehr zugetan wäre, und für dieses Mindestmaß an Wohlwollen tue ich momentan nicht viel.

Ich straffe mich für einen abschließenden verbalen Gegenangriff. »Ich habe lediglich den Beleg dafür betrachtet, dass alle Dinge im Universum dem Verfall bedingungslos ausgesetzt sind.« Ich deute mit einer vagen Geste hinüber zu meinem Wagen und sehe dabei unumwunden die Frau auf dem Balkon an. »Autos, Häuser, Menschen, …«

»Ist mir klar«, entgegnet sie gelassen. »Aber müssen Sie dem Zerfall denn auch noch mit einem gekickten spitzen Stein nachhelfen?«

Wie gesagt: Sie sieht einfach alles.